R. F. Kuang: Die Schamanin (Im Zeichen der Mohnblume 1)

Aktualisiert: 28. Feb. 2025

Vor dem Buch habe ich mich eine Weile herumgedrückt, weil ich keine Ausbildungsgeschichten mag (die Figuren bleiben oft oberflächlich, die Handlung ist zäh, generisch und voll von ewig wiederkehrenden Jugendlichenproblemen – dafür habe ich wenig übrig). Und zum Teil ist der Roman genau das. Aber meine Befürchtungen haben sich nicht bestätigt. Natürlich gab es auch Einiges an Bekanntem, aber das hat der Spannung keinen Abbruch getan und „Young Adult“ ist dieses Buch sicher nicht.
Schreibstil:
Der Schreibstil ist glatt. Manchmal (bzw. vor allem am Anfang) werden Aspekte des Worldbuildings erklärt, aber wahrscheinlich kommt man darum nicht herum. Auch werden Bilder erzeugt: Laute wie süßer Reisbrei oder Wasser wie Seidenfäden. Und neben den schönen Vergleichen darf hier natürlich auffallen, dass solche Assoziationen perfekt das Setting unterstreichen. Ich habe auch schon Fantasy mit Asiensetting gelesen, wo das Ganze aber etwas übergestülpt wurde, eben ohne diese ganzen feinen Details, die Europäer*innen nicht unbedingt geläufig sind, aber eben ganz entscheidend zur Atmosphäre beitragen. Manchmal wirkte der Text vielleicht ein wenig steril, die Bilder hätten also durchaus noch mehr sein dürfen. Aber angesichts dessen, dass sich der Roman sehr glatt liest, ist das nun nicht entscheidend.
5 Sterne
Charaktere:
Rin funktioniert für mich als Figur, allerdings war sie für mich nicht unbedingt interessant. Das mag daran liegen, dass ich kein sonderliches Interesse an Coming-of-Age-Geschichten und jugendlichen Protagonist*innen habe. Es ist also sicher eine Geschmacksfrage. Gut fand ich auf jeden Fall die Entwicklung, die sie durchmacht – und die nicht unbedingt positiv ist. Aber gerade das macht es interessant. Für die Folgebände steckt da auf jeden Fall noch Potenzial.
4,5 Sterne
Handlung und Struktur:
Ich bin nicht unbedingt ein Fan von Geschichten, die sich ausführlich um die Ausbildung Jugendlicher drehen. Hier war es aber spannend umgesetzt (wenn auch an einigen Stellen vorhersehbar und mit Narrativen, die man so auch von anderen Romanen kennt). Die Spannung verlor sich für mich dann allerdings Teil 2 ein wenig. Hier werden die Schrecken des Krieges gezeigt und das lief ein wenig linear ab. Wieder interessanter war Teil 3, kam aber nicht ganz an Teil 1 heran. Insgesamt war der Roman also gut und spannend zu lesen, aber nach dem ersten Drittel gab es Luft nach oben.
4 Sterne
Tiefgang:
Diese Gesellschaft ist von Standesunterschieden geprägt, sie ist brutal, sie drängt Menschen ins Elend und interessiert sich nicht für ihre grausamen Schicksale. Und das ist nicht unbedingt weit weg von der Realität. Auch die Folgen von Drogenkonsum (Opium) für die Gesellschaft werden beleuchtet. Und tatsächlich gab es ja diesen Abschnitt in der chinesischen Geschichte. Dazu kommt eine gehörige Portion Kriegsstrategie und Darstellung der Grauen. Das passiert sehr eindringlich, wobei der Roman auch darauf eingeht, wie Menschen zu solch schrecklichen Kriegsverbrechen überhaupt fähig sind. Es ist auf jeden Fall Stoff, der zum Nachdenken anregt.
Man muss dabei natürlich festhalten, dass das Buch wirklich unvorstellbare Grausamkeiten beschreibt. Man sollte es deshalb nur in einer stabilen Gemütsverfassung lesen – und zum Abschalten und zur Entspannung taugt es sicher nicht. Der Roman weidet sich dabei allerdings nicht an der Gewalt, wie manche „Grimdark“-Texte das tun. Sondern es ist zu jedem Zeitpunkt die Abscheulichkeit offensichtlich. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass sich die Autorin all das auch nicht selbst ausgedacht hat, sondern reale Ereignisse beschrieben hat – was es ja nur noch schlimmer macht.
5 Sterne
Worldbuilding:
Die Welt ist sehr offensichtlich vom historischen China während der Opiumkriege inspiriert – und das aber sehr überzeugend und mit vielen Details. Das Setting ist definitiv nicht ausgetreten. Ein wenig gestört hat mich, dass sich vieles so leicht in die Realität übersetzen lässt – Nikan ist, was Kultur, Geografie, Religion und Politik betrifft, China, Mugen ist Japan, Hesperia der Westen. Auch das reale Werk von Sunzi wird sehr gerne zitiert. Wenn es so nah ist, warum dann nicht gleich die richtigen Begriffe verwenden? Da hätte das Worldbuilding ein wenig freier sein dürfen, finde ich. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau, denn das Konzept hebt sich trotzdem von dem meisten ab, was die aktuelle Fantasy zu bieten hat (auch Bücher mit Asiensetting wirken nicht unbedingt immer authentisch – dieses hier aber schon).
5 Sterne
„Die Schamanin“ ist in meinen Augen ein sehr guter Roman, der auf allen Ebenen funktioniert. Er ist glatt zu lesen, spannend und regt dabei immer wieder zum Nachdenken an. Obwohl das Buch relativ dick war, habe ich es sehr zügig durchgelesen und werde mir die Nachfolgebände holen.
Gesamtwertung: 4,7 Sterne, macht gerundet 5 Sterne



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