Robert Jackson Bennet: Die Stadt der tausend Treppen (Die göttlichen Städte 1)


Ich habe mit einem typischen High-Fantasy-Roman gerechnet und war dann tatsächlich überrascht, dass die Handlung in einem derart modernen Setting (Ende 19./Anfang 20. Jahrhundert) spielt. Der Roman funktioniert dabei aber an jeder Stelle und trotz den vielen modernen Elementen und der Technik ist das Magische in der Welt immer präsent.
Schreibstil:
Der Schreibstil ist bildhaft (sowas wie „die Wolkenbäuche […] bluten weichen Regen“ ist einfach extrem gut) und lässt an manchen Stellen kleinere Leerräume, die Interpretationsmöglichkeiten lassen. Positiv aufgefallen ist mir außerdem, dass es an einigen Stellen auch einen erkennbaren Rhythmus bzw. eine bestimmte Sprachmelodie gibt (wie im Beispiel): dass „bluten weichen Regen“ lauter zweisilbige Wörter sind, die auf –en enden, dürfte kein Zufall sein und spricht für das Können der Übersetzerin (da sehe ich auch die doch zahlreichen Tippfehler, vor allem bei den Namen nach) – leider sind viele Übersetzungen im Fantasybereich aktuell genau das Gegenteil davon, nämlich sprachlich katastrophal. Und das macht es noch bemerkenswerter). Kurzum: Sehr gut geschriebener Text.
In anderen Rezensionen wurde der Stil auch schon als „gestelzt“ oder als zu fremdwörterlastig bezeichnet. Für mein Empfinden war das überhaupt nicht so, ich fand ihn im Gegenteil sehr eloquent (Achtung, Fremdwort). Ich gehe davon aus, dass das etwas mit persönlichen Lesegewohnheiten zu tun hat. Freilich, wer an einfache Sätze gewöhnt ist, wird hier ein wenig ins kalte Wasser geworfen. Aber das darf doch auch mal sein!
5 Sterne
Charaktere:
Shara funktioniert als Charakter. Sie hat bestimmte Eigenheiten, die sie in der Geschichte glaubhaft machen. Und auch Nebenfiguren haben eine gewisse Kontur. Die Welt ist nun nicht von Figuren besiedelt, die sich in mein Gedächtnis einbrennen werden, aber sie funktionieren auf jeden Fall. Man muss aber auch festhalten, dass die Geschichte mehr von der Handlung als von den Charakteren getragen wird. Wahrscheinlich lag es daran, dass mir die Figuren am Anfang ein wenig zu weit weg waren, obwohl sie objektiv betrachtet ja durchaus ausgearbeitet sind. Ob nun handlungsgetrieben oder figurengetrieben, ist aber reine Geschmackssache und sagt nichts über die Qualität des Buches aus.
4,5 Sterne
Handlung und Struktur:
Der Roman lebt von den Geheimnissen. Was es mit den Vorkommnissen in der Stadt auf sich hat, wird nach und nach aufgedeckt und das auf spannende Art und Weise. Diese Rätselstruktur ist die große Stärke des Romans. Dabei offenbart sich auch eine gewisse Komplexität, die das Ganze unvorhersehbar und interessant macht. Am Anfang der Kapitel finden sich außerdem Auszüge aus historischen Schriften, die wie kleine Puzzleteile sind. Gut gemacht.
5 Sterne
Tiefgang:
Hier wird Macht und Herrschaft reflektiert. Es geht außerdem an vielen Stellen um Kolonialismus: Die Besatzer verbieten den Einheimischen ihre eigene Religion (selbst die Verwendung eines religiösen Symbols ist strafbar), nehmen sich jedoch selbst heraus, sich mit ihr zu beschäftigen und sie zu erforschen. Das macht etwas mit einem Volk. Interessant ist auch, dass die Besatzer früher die Unterdrückten waren (die Machtverhältnisse haben sich also genau umgekehrt). Und auch das macht etwas mit einem Volk. Solche Dynamiken thematisiert der Roman auf gelungene Art und Weise.
4,5 Sterne
Worldbuilding:
Züge, Autos, Taschenuhren und Telegramme: Ich würde sagen, wir befinden uns hier thematisch am Ende des 19. Jahrhunderts, vielleicht auch schon am Anfang des 20. (ein paar Details weisen darauf hin, es fehlt allerdings eine großflächige Elektrifizierung). Aber das macht nichts, es muss ja nicht alles historisch analog zu unserer Welt ablaufen. Insofern habe ich sicher viel zu viel darüber nachgedacht, am Ende ist ja nur wichtig, dass das Ganze funktioniert und das hat es.
So oder so spielt die Handlung in einem Setting, das für High Fantasy eher ungewöhnlich ist, und das meine ich positiv. Die Namen und Beschreibungen lassen die Stadt Bulikov wahrscheinlich in Osteuropa oder Russland verorten, während die Besatzer aus einer Region ähnlich Indien kommen. „Die Stadt der tausend Treppen“ bietet damit einen ungewöhnlichen Mix, der im Gedächtnis bleibt.
5 Sterne
Dieses Buch ist leider zu unbekannt und schnell wieder vom Markt verschwunden. Dabei haben wir es hier mit einem Roman zu tun, dem man an jeder Stelle anmerkt, dass der Autor etwas von seinem Handwerk versteht. Ich werde die beiden Nachfolger auf jeden Fall lesen.
Funfact: Das Cover auf dem Taschenbuch ist mit einer bedruckten Folie überklebt. Wenn man die so lässt, sind die Gebäude ganz. Wenn man sie nach oben klappt, sind sie Ruinen. Das ist eine nette Spielerei, die zum Inhalt des Buchs passt.
Gesamtwertung: 4,8 Sterne, macht gerundet 5 Sterne



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