Lee Young-Do: Das Blut der Herzlosen (Die Legende vom Tränenvogel 1)


Ich hatte keine Erfahrung mit koreanischer Literatur, kannte aber sehr wohl koreanische Filme und wusste, dass es dort eben doch Unterschiede zum europäischen bzw. westlichen Geschmack gibt. Die Figuren sind oft überzeichnet, die Dialoge pathetisch, die Darstellung von beispielsweise Kämpfen unrealistisch und übertrieben. Entsprechend habe ich damit gerechnet, solche Merkmale auch in diesem Buch zu finden. Und ja, ich wurde fündig. Gestört hat es mich jedoch nicht.
Schreibstil:
Der Schreibstil ist ein wenig anders als man das von Autor*innen aus dem deutsch- oder englischsprachigen Raum gewöhnt ist. Der Text ist nicht so nah an den Figuren, manchmal schwingt in den Formulierungen ein gewisses Pathos mit, auch in den Dialogen, die zuweilen übertrieben bis hölzern anmuten. Ich empfand das nicht als störend, sondern habe es einfach als eine Eigenheit betrachtet. Denn der Text ist durchaus flüssig und bildhaft. Es gibt Metaphern, Vergleiche und generell interessante Sprachbilder. Hier ein Beispiel: „Die uralte Stadt [...] war unter mehreren Schichten tonnenschwerer Zeit eingestürzt. Es leuchteten weder glänzende Steine noch goldenes Metall, sondern die sich stets weiter aufstauende Zeit.“ Der Autor weiß also durchaus versiert mit Sprache umzugehen und schon allein das macht das Buch interessant.
5 Sterne
Charaktere:
Hier liegt sicher das große Manko des Buches. Ich schrieb es eingangs schon: Aus koreanischen Filmen kenne ich es so, dass die Figuren oft extrem stereotyp dargestellt werden. Davon findet man auch in diesem Roman etwas. Auch weil die Erzählperspektive grundsätzlich nicht nahe an den Figuren ist, bekommt man zu ihnen wenig Zugang. Grundsätzlich finde ich, dass derart eindimensionale Charaktere auch ein Abbruchgrund sein könnten. Hier gehört es in gewisser Weise zur Konzeption (um Figurenpsychologie ging es dem Autor sicher nicht). Tatsächlich empfand ich es deshalb auch als gar nicht so störend und immerhin, ein paar kleine Eigenheiten haben die Figuren doch. Wer das Buch lesen will, sollte sich aber dessen bewusst sein, dass man hier keine tiefgreifenden Einblicke in das menschliche Innenleben bekommt.
3,5 Sterne
Handlung und Struktur:
Multiperspektive High Fantasy hierzulande ist oft klar untergliedert in einzelne PoVs, denen man folgt. Dieser Roman geht anders vor und mischt Figuren und Schauplätze nach Bedarf. Das bedeutet aber nicht, dass das Ganze schwer lesbar wäre. In meinen Augen geht das Konzept durchaus auf. Die Erzählweise mag also untypisch sein, aber sie funktioniert.
Die Handlung selbst ist interessant, wenn auch vielleicht nicht rasant. Insgesamt war ich jedoch gut unterhalten. Stellenweise erinnert die Handlung auch an ein DnD-Abenteuer (wenn die Heldengruppe beispielsweise durch unterirdische Gewölbe irrt und von Monstern angegriffen wird). Natürlich ist das nun nicht gerade komplex und war für mich dann weniger spannend. Letztlich trägt es aber auch zur Atmosphäre bei.
4 Sterne
Tiefgang:
Die Nagas unterdrücken Männer: Sie sind wenig wert und es ist üblich, ihnen sexuelle Gewalt anzutun. Grundsätzlich mag ich sexistische Weltentwürfe nicht unbedingt (auch dann nicht, wenn sich die Ordnung umgekehrt wird und sich die Gewalt gegen Männer richtet). Allerdings lese ich es hier als Kommentar auf das doch sehr patriarchale System in Korea und das darf natürlich zu denken geben. Darüber hinaus bin ich mir sicher, dass ich vermutlich einige intertextuelle Verweise nicht verstanden habe, weil ich mit koreanischen/chinesischen Mythen und Erzählungen nicht bewandert bin. Das macht es natürlich schwierig, das Ganze zu bewerten.
4 Sterne
Worldbuilding:
Ob Koreaner*innen diese Verarbeitung ihrer Historie und Mythologie als originell empfinden, kann ich nicht sagen. Hierzulande ist das Konzept natürlich extrem ungewöhnlich und das im positivsten Sinne. Es gibt Wüsten und Urwälder, Nagas und fliegende Himmelsfische, auf deren Rücken sich verfallene Städte befinden. Gezeigt wird also eine Fantasywelt, die ich in ähnlicher Form so noch nirgendwo gesehen habe, mit wenig bekannten mythologischen Anleihen und Settings wie Dschungel, die selten genug sind. Kurzum: Schon allein die kulturelle Kluft sorgt dafür, dass dieser Entwurf für deutschsprachige Leser*innen ausgesprochen exotisch und entsprechend an Originalität herausragend ist. Natürlich volle Punktzahl.
5 Sterne
„Das Blut der Herzlosen“ ist ein guter Roman und fällt vor allem durch den ungewöhnlichen Weltenbau auf. Für mich war es zudem interessant, wie Fantasy mit koreanischem Hintergrund aussehen kann. Eine gewisse außerdem gegenüber einer (für uns) manchmal unkonventionellen Gestaltung sollte man mitbringen.
Obwohl ich den Roman gut fand, bin ich mir aber unsicher, ob ich die Fortsetzung lesen werde. Denn was mich interessiert hat, waren Setting und Mythologie – Charaktere und Handlung eher weniger. Nachdem ich aber Setting und Mythologie nun kenne, weiß ich nicht, ob mir die Fortsetzung noch genug zu bieten hat. Mal sehen.
Gesamtwertung: 4,3 Sterne, macht gerundet 4 Sterne



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